Projekt „Schreiben gegen Vorurteile und Rassismus“

Projektleitung: Patrick Mauritz (Fachbereichsleiter Deutsch) und Tobias große Macke (Referendar)

In diesem Projekt sollten sich Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Jahrgänge mit Vorurteilen und Rassismus auseinandersetzen. Die Grenzen zwischen dem einen und dem anderen sind fließend. Zwar gibt es Vorurteile ohne Rassismus, aber umgekehrt gilt dies nicht.

Der Versuch einer Erklärung: Rassismus zielt auf die Auf- und Überbewertung der eigenen Person nur aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, zu einem vermeintlich überlegenen Kulturkreis (in der Regel ohne dass dafür besondere Leistungen erbracht worden wären). Dazu werden andere Bevölkerungsgruppen mit vermeintlich minderwertigen Kulturen und/oder anderen Religionen abgewertet. So wird „die Würde der Menschen“ antastbar: Die rassistisch motivierte Ablehung von Menschen führt zu Benachteiligung, radikaler Ausgrenzung, zu Gewalt (hierfür gibt es auch in Deutschland zahlreiche Beispiele), zu Unterdrückung – und in ihrer stärksten Ausprägung zu Mord, Völkermord und Vernichtung.

Das literarische Beispiel, das den Schreibprozess der Schülerinnen und Schüler fördern sollte, war die Kurzgeschichte „Spaghetti für zwei“ von Federica de Cesco. In ihr erlebt die Hauptfigur den peinlichsten Moment ihres Lebens: Heinz, 17, cool, bald Mopedfahrer, bestellt sich in einem Schnellrestaurant einen Teller Suppe, stellt sie auf einen Tisch, geht aber noch mal zum Tresen zurück, weil er seinen Löffel vergessen hat. Als er zurückkommt, isst ein Schwarzer seine Suppe (so glaubt Heinz); er verflucht die unzivilisierten Asylanten, die ihre Unsitten nach Europa importieren, will sich lauthals beschweren, entschließt sich aber – er will nicht als Rassist gelten –, mit dem Schwarzen die Suppe zu teilen. Beide essen schweigend, und Heinz sucht verzweifelt nach einer Erklärung für das unverständliche, provokante und unverschämte Verhalten seines Gegenübers. Als der Suppenteller leer ist, holt der Schwarze überraschenderweise einen Teller Spaghetti mit zwei Gabeln und bietet Heinz die Hälfte seiner Spaghetti an – immer noch schweigen beide. Als sie schließlich aufgegessen haben und satt sind, entdeckt Heinz seinen vollen Suppenteller auf dem Nebentisch und bemerkt seinen Irrtum. Erst ist Heinz die Situation peinlich, dann aber lachen beide und verabreden sich für den nächsten Tag.

Aus der Auseinandersetzung mit dieser Kurzgeschichte entstanden in Partner- oder Gruppenarbeit mehrere Geschichten und Briefe, von denen zwei im Folgenden vorgestellt werden sollen.

gez. P. Mauritz (09.10.2019 – am Tag des Überfalls auf die Synagoge in Halle)

Sarah Butke, Melina Renzelberg und Mara Westerfeld: Ein Brief nach Kamerun

Liebe Familie,

über euren letzten Brief habe ich mich sehr gefreut!

Mir geht es auch sehr gut, denn ich habe letzte Woche einen neuen Freund gefunden.

Sein Name ist Heinz und wir haben uns auf lustige Weise kennengelernt.

Ich saß wie gewöhnlich beim Mittagessen, es gab Suppe, und plötzlich setzt sich ein Junge in meinem Alter, Heinz, direkt vor mich.

Das Komische war, er hatte nur einen Löffel dabei und starrte mich seltsam an, als würde er etwas erwarten. Mir war bewusst, dass manche der Leute hier befremdlich auf mich reagieren, aber das war neu. Normalerweise schauen oder tuscheln sie bloß, aber ich habe ja mittlerweile gelernt, die Ruhe zu behalten. Der Junge fing dann auch noch an, meine Suppe mitzuessen.

Zuvor schon hatte ich mich über die allein stehende Suppe am Nebentisch gewundert, aber doch erst jetzt verstand ich den Zusammenhang, denn das war die Suppe Heinz‘. Er musste sich wohl im Tisch geirrt haben. Also ließ ich mich nicht abschrecken und teilte mir die Suppe mit ihm; es war ja schließlich meine. Und obwohl es Heinz sichtlich unangenehm war, aß er weiter.

Als wir aufgegessen hatten, war ich immer noch hungrig und ich vermutete, der Junge auch. Ihr habt mir ja beigebracht, dass Teilen Freude macht, also habe ich uns eine Portion Spaghetti mit zwei Gabeln besorgt.

Heinz sah mich überrascht an, was mich verunsicherte, aber dann fing er an zu essen, ebenso wie ich.

Erst als wir beide satt waren, fiel ihm auf, dass sein Teller auf dem Tisch nebenan stand.

Er wurde feuerrot und fing an, sich zu entschuldigen; ein bisschen Mitleid hatte ich schon, aber ich fand es auch ganz schön lustig – und schließlich ging es ihm ebenso. Irgendwie war er mir ja doch ganz sympathisch, also stellte ich mich ihm vor und wir verabredeten uns für den nächsten Tag. Ich hab‘ ein gutes Gefühl!

Das war dann auch das Spannendste, was mir diese Woche passiert ist. Ansonsten ist alles so wie immer.

Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder; ich vermisse euch.

Euer Marcel

Mia-Maria Gierke, Jana Grüter, Moesha Mampasi und Marie Welling: Dazugehören

Teil 1: Aruna

Chem, wir sind gleich da.“

Mein Mann öffnete die Augen. Er war müde vom langen Flug zurück aus dem Urlaub in Kenia, wo wir unsere Familien besucht hatten. Chem stand auf und gab mir meinen Koffer. Als der Zug dann stehen blieb, bewegten wir uns in Richtung Tür, und nachdem wir ausgestiegen waren, hatte ich einen direkten Blick auf eine Gruppe von Jugendlichen, die uns komisch anstarrten und sich gegenseitig irgendetwas zuflüsterten.

Hier lang, Aruna“, sagte Chem und führte mich in Richtung des Ausgangs. Ich drehte mich noch einmal um, um nachzugucken, ob wir auf dem Bahnsteig wirklich nichts stehen gelassen hatten.

Was ich sah, beunruhigte mich aber. Zwei Mädchen und zwei Jungen aus der Gruppe verfolgten uns!

Ich versuchte, sie zu ignorieren, und musste mich zurückhalten, mich nicht alle paar Sekunden umzudrehen.

Schon wieder diese Ausländer, die hier Urlaub machen“, sagte dann eines der Mädchen laut zu den anderen.

Genau. Die können nicht mal Deutsch“, erwiderte ein Junge, woraufhin die anderen lachten.

Chem legte seinen Arm um mich, um anzudeuten, mich nicht darum zu kümmern und einfach weiterzugehen. Wir beschleunigten unsere Schritte und ich bemerkte, wie immer mehr Menschen uns beobachteten.

Haut doch einfach ab. Hier sind schon genug Leute“, meinte derselbe Junge wie vorhin. Wir waren fast am Ausgang angelangt, als ein Kontrolleur an uns vorbeiging und uns freundlich zunickte.

Könnt ihr diese beiden netten Herrschaften bitte in Ruhe lassen?“

Als ich mich umdrehte, sah ich, dass die Mädchen und einer der Jungen die Augen rollten.

Danke“, sagte ich zu dem Kontrolleur und mein Mann und ich gingen weiter aus dem Gebäude. Draußen nahmen wir uns erst einmal in den Arm.

Teil 2: Leon

Ich hatte nie wirklich zu dieser Gruppe gehört. Heute hatte ich endlich eine Chance dazu.

In der Zeit, in der wir auf dem Bahnsteig auf unseren Zug warteten, liefen andere Züge ein, und aus einem stieg ein relativ junges und dunkelhäutiges Paar aus. Ein paar Leute neben mir fingen an zu flüstern und eines der Mädchen, Anna, drehte sich zu mir.

Wenn du wirklich beweisen willst, dass du zu uns gehörst, dann komm mit“, flüsterte sie und nickte einem Jungen und einem anderen Mädchen, Jannick und Bianca, zu. Zu dritt standen sie auf und ich folgte ihnen. Nach ein paar Sekunden realisierte ich, dass sie das Paar verfolgten. Dann fing Anna an, laut zu reden.

Schon wieder diese Ausländer, die hier Urlaub machen“, sagte sie deutlich genug, so dass das Paar es hören müsste. Danach schauten mich alle voll Erwartung an. Ich atmete einmal tief ein, bevor ich etwas sagte.

Genau. Die können nicht mal Deutsch“, erwiderte ich ein wenig unsicher und die anderen lachten. Der Mann legte seiner Partnerin seinen Arm um die Schulter und sie gingen ein wenig schneller.

Ich wurde weiterhin erwartungsvoll angesehen und dachte kurz nach.

Geht doch einfach weg. Hier sind schon genug Leute.“

Die beiden waren fast am Ausgang angelangt, als ein Kontrolleur auf uns zukam.

Ich wäre am liebsten weggelaufen, so sehr habe ich mich geschämt.

Könnt ihr diese beiden netten Herrschaften bitte in Ruhe lassen?“

Das Paar drehte sich um und die Frau bedankte sich in perfektem Deutsch, was mich ein wenig überraschte. Sie gingen raus und Jannick, Anna und Bianca gingen lachend zur Gruppe zurück.

Ich blieb noch kurz stehen, bevor ich mich dazu entschloss, dem Paar zu folgen. Als ich draußen ankam, sah ich, wie sich die beiden umarmten.

Was willst du?“, fragte der Mann, als er mich sah.

Ich will mich entschuldigen“, antwortete ich. „Es war nicht richtig von mir, dies zu tun.“ Ich schaute beschämt auf den Boden.

Danke für diese Entschuldigung, aber wir müssen jetzt weiter“, sagte die Frau und sie verschwanden zusammen in der bunten Menschenmenge auf dem Bahnhofsvorplatz. Ich entschied währenddessen, keine Menschen mehr zu mobben, nur um dazuzugehören.