von Jürgen Ackmann (Bersenbrücker Kreisblatt)

Er hat vor Hunger Gras gesessen, er hat ein Mädchen in der Kälte sterben sehen, er hat in vier Monaten gut 7000 Kilometer von Mazar-e-Sharif in Afghanistan nach Neuenkirchen zurückgelegt und dort eine neue Heimat gefunden: Mustafa. Er ist dankbar, dass er noch lebt.

Neuenkirchen/Fürstenau. Im Herbst 2015 veränderte sich das Leben von Mustafa radikal. 15 Jahre alt war er damals, ging zur Schule, lebte mit seiner Mutter, einer Lehrerin, und seinem Vater, einem Büromitarbeiter, sowie seinen fünf Geschwistern in Mazar-e-Sharif, der viertgrößten Stadt Afghanistans und zugleich Basis eines deutschen Bundeswehrkontingents. Dann geschahen Dinge, über die Mustafa bisher in Deutschland nur einmal geredet hat – gegenüber den Behörden, woraufhin er den Flüchtlingsstatus bekam. Lieber spricht er über Fußball und seinen Schulabschluss. Derzeit besucht er die 10. Klasse an der IGS in Fürstenau und ist im Prüfungsstress. Ab August – das ist schon sicher – wird er im Steigenberger Hotel Remarque in Osnabrück eine Lehre als Hotelfachmann beginnen. Den Ausbildungsvertrag hat der heute 17-Jährige bereits unterschrieben in der Tasche.

Davon hätte er im Herbst 2015 nicht einmal geträumt. Damals bereitete er mit seiner Mutter heimlich die Flucht vor. Sie nahmen Kontakt zu Schleusern auf, besorgten Proviant, Kleider und Geld. Einen Teil davon nähte die Mutter in eine abgenutzte Jacke von Mustafa ein. „Hätte ich eine neue Jacke gehabt, hätten die Leute gedacht, ich hätte Geld. Sie hätten mich dann überfallen“, sagt Mustafa – also eine alte Jacke.

Es begann eine dramatische Reise ins Ungewisse, mal zu Fuß, mal auf einem Viehtransporter mit Schafen, mal auf einem Lkw, mal mit einem abgewrackten Schiff, mal mit der Bahn, aber immer ohne Pass und Visum. Ein ständiger Begleiter: die Angst. Der damals 15-Jährige schlief anfangs nachts kaum. Im Gegensatz zu anderen Flüchtlingen hatte er keine Geschwister dabei, keine Eltern, keine Freunde an seiner Seite. Er war auf sich gestellt. Und doch hatte er einen Vorteil: Mustafa spricht gut Englisch. Das hat ihm geholfen bei seiner Odyssee über Pakistan, den Iran, die Türkei, Griechenland, den Balkan und Österreich bis nach Deutschland. Zunächst sei das Land gar nicht sein Ziel gewesen. „Ich wollte einfach nur nach Europa, in Sicherheit“, sagt Mustafa.

Während der viermonatigen Flucht lernte er bittere Kälte, große Hitze und jede Menge „Schmuggler“ kennen, wie Mustafa, die Schleuser nennt. „Die lügen immer“, fügt er hinzu. Also fuhr auf seiner Reise in eine neue Welt nicht nur die Angst mit. Auch das Misstrauen war ständiger Begleiter.

Von Afghanistan bis in die Türkei und weiter nach Griechenland gibt es hier eine lückenlose, gut organisierte Schleuserkette. Die Mitglieder kennen sich untereinander und verdienen an den Flüchtlingen viel Geld. 1000 Euro habe er für die Schiffsfahrt von der Türkei nach Griechenland gezahlt, sagt Mustafa. Geld, das seine Mutter ihm über Schleuser zukommen ließ, Geld, das sich die Familie geliehen hatte und bis heute zurückzahlt. Geld, das aber Mustafa half.

Beinahe hätte der 15-Jährige es nicht geschafft. Im Iran kamen ihm und einigen Weggefährten bei einer nächtlichen Kontrolle Polizisten auf die Schliche. Mustafa lief um sein Leben, während zur Warnung Kugeln in den Himmel flogen. Zwei Tage irrte er ohne Proviant im Wald herum. Den hatte er bei der wilden Hatz verloren. Stattdessen trank er schmutziges Wasser und aß Gras.

In der Türkei landete er dann tatsächlich im Gefängnis. Doch nach einem Tag ließen ihn die Sicherheitskräfte laufen. Er solle sich nur ja nicht wieder blicken lassen, hätten sie erklärt, erzählt Mustafa.

Es habe aber auch immer wieder Menschen gegeben, die ihm geholfen hätten. Zu einigen habe er bis heute Kontakt. Dafür sei er dankbar, betont Mustafa.

Dankbar ist er auch besonders Christiane und René van Zandt. Das Ehepaar aus dem Neuenkirchener Ortsteil Lintern hat die Patenschaft für Mustafa übernommen und bietet neue familiäre Geborgenheit. Die bringt Mustafa symbolisch zum Ausdruck, indem er die flache Hand auf sein Herz legt und das Ehepaar aus Lintern innig anschaut.

„Wir hatten damals einen Bericht in der Zeitung gelesen, dass der Sozialdienst katholischer Frauen Pflegeeltern für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge sucht“, erzählt Christiane van Zandt. Sie und ihr Mann hätten 2016 immer wieder die Filme und Bilder über die Situation der Flüchtlinge gesehen und wollten helfen. „Eigentlich hatten wir uns überlegt, einen syrischen Flüchtling aufzunehmen“, erklärt Christiane van Zandt. Doch dann sei Mustafa in ihr Leben getreten. Über Leipzig, Berlin, Hamburg sei er nach Osnabrück gelangt. Besonders fein herausgeputzt habe er sich beim ersten Treffen, erinnert sich Christiane van Zandt. Da aber nicht nur die Optik stimmte, sondern auch das Zwischenmenschliche, fühlt Mustafa sich nun auf dem Land in Lintern wohl. Zur Familie gehören noch der 24-jährige Malcom sowie Tochter Denise, die 28 Jahre alt ist.

Normalerweise endet die Pflegeelternzeit qua Gesetz mit dem 18. Lebensjahr des Pflegekindes. Die Familie van Zandt hat aber einen Antrag gestellt, damit Mustafa auch über diese Zeit hinaus ein Teil der Familie bleiben kann. Das ist möglich, und das würde alle freuen – wohl auch die Eltern und Geschwister im aus deutscher Sicht so fernen Afghanistan. Mustafa ist diesem Land, das einst zu den fortschrittlichen Ländern dieser Erde zählte, in seinen Erinnerungen noch immer nah – auch wenn er es nicht mehr betreten darf.

Se sind ein Team: Die Pflegeeltern Christiane und René van Zandt mit Mustafa, der nach seiner abenteuerlichen Flucht aus Afghanistan ein neues Zuhause im Neuenkirchener Ortsteil Lintern gefunden hat. Foto: Jürgen Ackmann